Überflüssige Zehenkralle?

Es ist ein typisches Merkmal des Lebens, dass alles im Fließen ist. Nichts ist so veränderlich wie das Leben selbst. Veränderungen sind Normalität. Das hat die Evolution in der Natur genauso wie im Haustierbereich gezeigt. Da im Haustierbereich die Veränderungen bedeutend schneller vonstatten gehen wie in der Natur, hat der Mensch die Chance, diese innerhalb seiner relativen kurzen Lebensspanne mitzubekommen.

Gingen die Urahnen der Rinder und Pferde auf fünf Zehenglieder, so haben die Rinder heute nur noch zwei (Klauen) und das Pferd (Huf) nur noch eines. Rind und Pferd haben sich spezialisiert. Solche Gegebenheiten lassen sich überall erkennen. Beim Mensch hat sich der Blinddarm stark zurückgebildet, weil er ihn nur noch als Organ braucht, in dem ein Teil des Immunsystems zu Hause ist. Für andere Tiere ist er von lebenswichtiger Bedeutung. Wie bereits erwähnt, der Sinn des Lebens ist der Wandel.
Vögel sind die Nachfahren der Dinosaurier, oder etwas bescheidener ausgedrückt, eine Weiterentwicklung der Reptilien. Die ursprünglichen drei Vorderzehen der Vögel haben ebenfalls eine sehr starke Veränderlichkeit an den Tag gelegt. Strauße haben nur noch zwei Zehen. Als ausgesprochener Laufvogel hat sich bei ihnen eine Zehe als überflüssig erwiesen und ging im Laufe der Zeit verloren. Kasuare haben zwar noch drei Zehen, doch eine hat eine extreme Kralle, die so genannte Todeskralle, mit der sie Gegner regelrecht aufschlitzen können. Papageien haben ihren ganzen Fuß umgeformt, indem zwei Zehen von vorn und zwei Zehen von hinten einen Ast umgreifen.
Bei den Hühnern gibt es ein weitgehend einheitliches Bild: drei Vorderzehen plus eine Standzehe, die anatomisch als erste Zehe bezeichnet wird. Manche Rassen haben eine Besonderheit. Sie weisen über der Standzehe eine weitere Zehe auf, eine fünfte Zehe. Das ist z.B. bei Houdan- oder Dorkingkühnern der Fall. Ob die fünfte Zehe evolutionsmäßig etwas bringt, kann kein Mensch beantworten. Auf alle Fälle ist sie nicht hinderlich und muss daher aus biologischem Blickwinkel als wertneutral angesehen werden.

Ansonsten gibt es bei Hühnern hinsichtlich der Zehen keine auffälligen Besonderheiten. Eine unauffällige erkennt man bei belatschen Hühnern. Darunter versteht man Hühner, die nicht nur an den Läufen Federn haben, sondern auch an den Außen- und Mittelzehen. Obwohl man meint, dass diese Hühner nicht allzu viel scharren, erweisen sich manche Vertreter dieser Federfüßer als sehr vehemente Scharrer. Die Natur ist scheinbar noch im Konflikt, wohin die Richtung laufen soll. Vielleicht gibt es auch keine Richtung.
Auffällig ist, dass diese Hühner keine Probleme mit ihren Federn an den Füßen haben. Nicht zuletzt ist diese Zucht in ihrem Ursprung auch keine gezielte gewesen, sondern sie entstand bei nicht vorhandener Zuchtwahl bei den mehr oder minder sich selbst überlassenen Bauernhofhühnern im Mittelalter. Heute wird bei bestimmten Rassen gezielt darauf gezüchtet. Das mag vielleicht der Grund sein, dass die Fußbefiederung nunmehr etwas schöner ausgeprägt ist als früher und der Züchter deshalb auch besonders hohen Wert auf einen gepflegten Auslauf legt, damit sich diese Pracht und genetische Vielfalt im Haushuhnbereich entfalten kann.
Bei dieser Fußbefiederung hat sich eine ausgesprochen interessante biologische Besonderheit entwickelt. Bei einer relativ kleinen Anzahl an Rassevertretern mit belatschen Füßen bildet sich die Zehenkralle an der Außenzehe zurück. Diese Erscheinung ist schon seit langer Zeit bekannt. Nicht zuletzt ist dieses der Grund, dass in den Allgemeinen Ausstellungsbestimmungen des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter das Fehlen der Zehenkralle bei starker Fußbefiederung akzeptiert und toleriert wird.
Es stellt sich natürliche die Frage, warum sich die Zehenkralle an der Außenzehe zurückbildet. Um es vorweg zu sagen, niemand weiß es. Aber es gibt aus biologischem Blickwinkel sinnvolle Erklärungsmöglichkeiten. Durch die Fußbefiederung bekommt ein fußbefiedertes Huhn eine bessere Stabilisation als ein Huhn mit nur Zehen. Die Zehenkralle, ja die gesamte Außenzehe wird in ihrer Funktion zur Stabilisierung und Fortbewegung entlastet. Was entlastet wird, also nicht mehr von Bedeutung ist, kann sich zurückbilden. Das ist lebendige Biologie. Das Leben sucht immer einen Weg, etwas Neues auszuprobieren.
Des Weiteren wird beim Scharren von belatschen Rassen zwangsläufig die Außenzehe am wenigsten bzw. überhaupt nicht in die Scharraktion einbezogen. Auch hier verliert sie ihren Sinn. Die Natur testet, ob eine krallenlose Außenzehe Vorteile bringt. Wenn sie keine bringt, bleibt die krallenlose Variante wertneutral neben der Variante mit Kralle bestehen. Hat sie Nachteile, überleben langfristig nur die bekrallten.
Da kein Züchter auf krallenlose Außenzehen selektiert, ist es überaus verblüffend, wie hartnäckig die Natur an der Rückbildung dieser Kralle arbeitet. Sie geht sogar noch einen Schritt weiter und verzichtete auf ein Zehenglied. Dass solche Tiere nur ab und an auftreten, hängt damit zusammen, dass diese Erscheinung bei der Bewertung gestraft wird. Der Züchter verhindert konsequent die Möglichkeit, dass sich solche Tiere weitervermehren können. Unter biologischem Blickwinkel wäre es aber außerordentlich interessant, wie weit die Natur gehen würde.
Natürlich stellt sich unter dem Tierschutzaspekt, der heutzutage leider oftmals sehr stark emotional geführt und aus menschlichem anstatt tierischen Blickwinkel gesehen wird, die Frage, ob das Fehlen einer Kralle tierschutzrelevant ist. (….)
Wir betrachten den Tierschutz jedoch nicht as relatives Moment, sondern als absolutes. Hierbei muss man sich fragen, ob eine fehlende Kralle Nachteile für das Tier bringt. Die Antwort lautet eindeutig und unmissverständlich nein. Man kann sehr leicht ohne wissenschaftliches Experiment zu dieser klaren Erkenntnis kommen, wenn man Hühner mit Fußbefiederung beobachtet. Kein Mensch kann am Verhalten und am Bestreiten des Lebensalltages des Huhnes erkennen, ob seine Kralle fehlt oder nicht. Ein krallenloses Huhn zeigt das gleiche Verhalten wie ein Huhn mit Kralle.
Ein Huhn ohne Kralle an der Außenzehe leidet daher nicht und zeigt auch beim Scharren trotz seiner anatomischen Umgestaltung keine Schmerzen. Man merkt das Fehlen der Zehenkralle schlichtweg nicht. Damit ist das Fehlen einer Kralle nicht tierschutzrelevant, es ist vielmehr eine ganz normale Erscheinung, die unter dem Blickwinkel der Evolution gesehen und verstanden werden muss.
Würde der Mensch unter das Tierschutzgesetz fallen, letztlich ist er ja auch nichts anderes als ein Säugetier, dann wäre das Entfernen der Mandeln ein massiver Eingriff, der zu Leiden und Schäden führt, weil das Immunsystem einer enorm wichtigen Schaltzentrale beraubt worden ist. In Vergleich dazu ist das von Natur aus vorgegebene Fehlen einer Zehenkralle noch nicht einmal den Gedanken wert, über Tierschutzrelevanz nachzudenken, denn man kann bei einem Tier wohl kaum höhere Maßstäbe ansetzen als beim Menschen selbst.
Und solange Haustiere Ohrmarken mittels Durchstechen des Ohrs erhalten müssen, glühende Brandeisen ins Fell gedrückt bekommen und Eintagküken wegen fehlender Rentabilität aufgrund des falschen Geschlechts in Millionenhöhe getötet werden, und das alles in Einklang mit dem Tierschutzgesetz steht, solange braucht man sich über eine naturgegebene Krallenrückbildung keine Gedanken machen. Rückbildungen sind im Tierreich etwas ganz Normales. Delphine, Seehunde und Wale oder die heimische Blindschleiche sind beste Beisiele dafür, wie extrem Rückbildungen sein können.

Michael von Lüttwitz

(Geflügelbörse 24/2005)

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